„Ich bin so cool, hinter mir schneit’s“

2. Mut- und Auffälligkeitsübungen

Komm wir fangen an. Wirklich jetzt? Or neee…

Mehr oder weniger motiviert und aufgeregt bis ängstlich haben wir uns heute in unseren zweiten Aufgabenteil gestürzt: Mutproben! Schon beim Besprechen der einzelnen Aufgaben („Was wollten wir noch einmal machen? Wirklich? Warum haben wir uns denn nichts Leichteres überlegt?“) und beim Besprechen der Durchführung („Komm wir gehen in den Park.“- „Aber da ist doch niemand, nein an der Bahnhofshaltestelle!“) wurden wir immer aufgeregter. Der Eine hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch und wollte lieber gar nicht anfangen, der Andere wollte alles so schnell wie möglich hinter sich bringen und eine Wenige hatte sich sehr auf die Aufgaben gefreut. Irgendwie macht es ja auch Spaß Leute zu entsetzen… Okay – los geht’s!

1. Sich auffällig kleiden und Fange spielen

Jaaah zugegeben, die erste Aufgabe haben wir gar nicht gemacht. Irgendwie war die Idee weder besonders spannend, noch besonders lustig. Die Motivation, diese Aufgabe durchzuführen war nicht da, nur AH hatte ihr Cookie-Monster-Kostüm mit und IN und JA hatten sich gegen zu viel körperliche Aktivität ausgesprochen. Es lag also nicht daran, dass wir uns nicht getraut haben (versprochen). Bei den nächsten Aufgaben seht ihr auch gleich, dass wir noch mutig genug waren 😉

2. Sich in einem großen Viereck aufstellen und laut einen Kanon singen

Hiermit begann unsere erste, real und motiviert durchgeführte Aufgabe. Es wurde sich schnell auf ein „Froh zu sein bedarf es wenig“ von August Mühling geeinigt.

Hier ist der Link für alle, die mit uns mitsingen wollen:

http://www.lieder-archiv.de/froh_zu_sein_bedarf_es_wenig-notenblatt_100155.html

Nach einer kurzen Einprobungsrunde und einer Diskussion (s.o.), wo die Aufgabe durchgeführt werden sollte, ging’s dann los: der Platz an den Einkaufspassagen auf dem Hauptbahnhof hatte gewonnen. IN hatte das Glück, filmen zu dürfen und so haben AS, AH und JA sich hingestellt und los gesungen* . AH und JA recht laut, AS recht leise, und IN hat hinter dem Handy gekichert.

*Anmerkung des Autors: Aus dem Viereck wurde ein lineares Dreieck.

AS: „Diese Mutprobe war aushaltbar, da wir sie in einer Gruppe durchgeführt haben. Es hat geholfen, so was als Team durchzustehen.“

AH: „ Die Aufgabe war für mich am unangenehmsten. Die Meisten sind einfach an uns vorbeigelaufen und haben gar nicht geguckt, oder uns ignoriert. Sie wirkten echt irritiert und verunsichert und das macht die Aufgabe unangenehm.“

JA: „ Ich habe manchen Leuten direkt in die Augen geguckt beim Singen, um ihre Reaktion zu sehen. Aber Sie haben so getan, als würden sie das jeden Tag erleben, das hat die Mutprobe echt ein bisschen langweilig gemacht.“

Nach dem Durchlauf hatten wir uns noch einmal Richtung Friedrich-Ebert-Straße an der Anzeige der Tram-Haltestellen hingestellt und gesungen. Die Reaktionen blieben da ebenfalls aus. Noch nicht mal Applaus haben wir bekommen.

3. Etwas überbetont (laut) vortragen / ablesen (Text, Gedicht) und sich dabei an vorbeikommende Unbekannte richten

Nach der Gesangseinlage drückten wir uns auf dem Tram-Platz herum und überlegten, wie und wo wir es am Besten anstellen könnten, Jemandem unsere gute Literatur sehr viel näher zu bringen.

JA: „ Auf die Aufgabe habe ich mich wirklich gefreut und ich habe mich spontan dazu entschieden, mich neben eine allein sitzende Oma zu setzen,“ (IN: „Nimm den Opa, nimm den Opa!“) „ oder eben neben den Opa. Ich hatte mir Berthold Brecht heraus gesucht- sehr dramatisch – sehr gesellschaftskritisch. Und ich habe laut begonnen zu lesen und war wirklich überrascht, wie schnell der Opa die Flucht ergriffen hat. Leute von weiter weg haben mich beobachtet oder sich amüsiert. Diese Panikreaktion des Herren fand ich leider so lustig (und übertrieben), dass ich sehr lachen musste. Das hat vielleicht die Ernsthaftigkeit aus der Sache genommen. Aber das hat mir alles in Allem großen Spaß gemacht.

Als nächstes war AH an der Reihe mit Douglas Adams: Die letzten ihrer Art. Und laut begann AH zu lesen – doch die Reaktion der Passanten blieb verhalten bis „ja, das passiert mir jeden Tag, dafür brauche ich mich nicht zu interessieren“.

AH: „Sobald ich anfing, war es nicht wirklich schlimm oder problematisch. Aber die Überwindung bis dahin war dennoch groß.“

Anschließend mussten AS und IN ein bisschen überredet werden, hatten aber trotzdem mutig die Aufgabe durchgezogen: Auf der Treppe des Bahnhofs stehend rezitierten IN und AS „die Leiden des Jungen Werthers“. Dabei drehten sich die Leute auf der Rolltreppe irritiert und interessiert um. Nur die Menschen mit den Stöpseln im Ohr blieben mal wieder weltfremd und unbeteiligt.

AS: „Die Aufgabe war mir echt unangenehm. Ich habe gemerkt, dass ich mich nur schwer bis nicht überwinden kann, mich in so eine Situation zu begeben und dann auch meine Stimme nicht kontrollieren kann. Sie soll lauter werden – bleibt aber viel leiser als meine eigentliche Sprechlautstärke. Das Vorlesen war wirklich anstrengend.“

IN: “Die Situation war mir wirklich unangenehm und diese Aufgabe war das Schwerste für mich unter den Mutproben. Mein Mund wurde sehr trocken und das hat es auch nicht leichter gemacht. Ich habe es nicht geschafft, sehr laut vorzutragen.“

4. Gemeinsam zu Musik tanzen, die jeder über Kopfhörer hört und sich dabei jeweils bestärken, wie toll gerade alles ist.

Als dritte Aufgabe hatten wir dann spontan das Tanzen gewählt. Die „Musikabspielgeräte“ waren griffbereit und als Ort hatten wir uns die Stelle vor einem Café auf dem Hauptbahnhof ausgesucht. JA durfte sich zunächst hinter der Scheibe verstecken und filmen, während dessen AH, AS und IN sich in Position warfen.

AH und AS positionierten sich ziemlich schnell zentral und während AS schon begann freudig zu hüpfen und die Musik zu genießen, wirkte AH mit „Nu wartet doch mal – ich muss mir doch erst Mal ein Lied heraussuchen“ eher entspannt.

AH: „Ja, mit Tanzen habe ich kein Problem. Die Aufgabe war leicht für mich. Mich irritierte eher die Ablehnung und die Angst der Menschen, denn bis auf sehr wenige waren die, die uns begegnet sind eher ablehnend oder beeilten sich sehr, vorbeizukommen. Diese Verunsicherung der Leute macht es erst unangenehm. Letzteres war mein stärkstes Gefühl – es war mir dann unangenehm, weil alle sich so unangenehm berührt fühlten.“

IN hielt sich eher am Rand bis im Hintergrund und fand die Mutprobe schwierig zu bewältigen: „Ich hatte für die Durchführung der Mutproben echt einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt, da Ramadan ist. Das bedeutet auch, dass eigentlich keine Musik gehört wird bzw. getanzt wird – zumindest nicht öffentlich. Meine Hemmschwelle war daher noch größer und es war mir wirklich peinlich, wenn arabisch oder türkisch aussehende Menschen an uns vorbeigingen und das gesehen haben.“

AS: „Das Tanzen war okay. Man hört ja nur noch die Musik und kann einfach die Augen schließen und die Musik genießen.“

Die Passanten gingen an uns eher mit ihrem „Aha- und?“ Blick vorbei (ist Potsdam wirklich SO abgehärtet?) . Jedoch gab es vereinzelt Lächler und eine Frau grinste AH an, schüttelte dann aber hinter ihr den Kopf.

Nach der Tanzeinlage der Drei stellte sich JA noch auf den Platz Richtung Einkaufspassage und begann schwungvoll zu tanzen.

JA: „ Ich tanze echt gern und ‚Looooving you is killing me-he‚ mag ich total, daher war es zu Beginn leicht, mit der Aufgabe anzufangen. Aber ich habe gemerkt, wie es mir wirklich schwer viel, den Menschen in die Augen zu schauen und ich rot wurde. Ich habe dann eine Frau angetanzt, die hat aber gar nicht reagiert (sie war 10cm von mir entfernt – Wie geht das?) aber einige Blicke habe ich schon gesehen und das hat sich wirklich peinlich angefühlt. AH hat gesagt, ich hab sogar ein Kompliment bekommen, aber das habe ich durch die Kopfhörer nicht gehört. Sonst hätte ich bestimmt sofort mit demjenigen getanzt ;).. Naja oder so ähnlich. Geholfen hat, meine kichernden Kommilitoninnen zu sehen.“

5. In der S-Bahn anfangen miteinander bzw. am Telefon zu streiten (ggf. dramatisch aufstehen und herumlaufen)

Nun zur letzten Mutprobe: Wir waren inzwischen hungrig, etwas gestresst oder genervt und die Stimmung wurde komisch – eine ideale Voraussetzung für ein Streitgespräch. Zwar stritten wir nicht am Telefon in der S-Bahn, jedoch in der Tram untereinander außer JA – die filmte.

JA: „Ich hatte schon den ganzen Tag Bammel vor dieser Mutprobe. Ich finde es so peinlich sich laut am Telefon zu streiten. Ich war wirklich froh, die Anderen beobachten zu können.“

AS: „ Das Streiten war mir auch super peinlich, darum saß ich zwar bei den Mädchen, habe aber selbst nicht aktiv laut mit gestritten.“

Was sehen wir hier? Vermeidungsverhalten! Eine Stottertherapie ist wohl bei beiden dringend angeraten.

IN und AH stritten sich nicht sehr, sie pöbelten sich eher an. Die Passanten schauten nicht sehr interessiert.

JA: „Ein Mann hat mich nur die ganze Zeit beobachtet, wie ich kichere und hat abwechselnd zu mir und den Mädchen geguckt.“

IN: „Ich fand die Aufgabe am einfachsten, da diese am natürlichsten gewirkt hat.“

2 thoughts on “„Ich bin so cool, hinter mir schneit’s“”

  1. Was für ein wundervoller Beitrag!!! Die vielen Zitate lassen einen sofort in die einzelnen Situationen eintauchen.
    Sie waren wirklich alle sehr mutig – und bewundernswert ist es auch, da Sie die Aktionen am Potsdamer Hauptbahnhof durchgeführt haben – einen Ort, an dem Sie öfter sind. Respekt! Ich freue mich schon sehr auf Ihren nächsten Beitrag! 🙂

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